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Dieses kleine Detail in ihrer Umarmung kann einen Narzissten unauffällig entlarven.

Zwei Männer umarmen sich auf einer belebten Straße. Einer trägt ein Schild mit der Aufschrift "Free Hugs".

Manche Umarmungen beruhigen dich sofort.

Andere lassen dich merkwürdig angespannt zurück, als hätte etwas nicht ganz zur gezeigten Wärme gepasst.

Forschende sagen inzwischen, dieses Bauchgefühl könnte nicht zufällig sein. Wie jemand umarmt, kann leise etwas über seine Persönlichkeit verraten – über seine Empathiefähigkeit und in manchen Fällen über eine Neigung zu Narzissmus oder Manipulation.

Wie ein „Free Hugs“-Experiment zum Persönlichkeitslabor wurde

Auf den ersten Blick wirkt ein „Free Hugs“-Schild wie eine nette soziale Geste. Für Psychologinnen und Psychologen in Polen wurde es jedoch auch zu einem unerwarteten Fenster in menschliche Motive.

Ein Team der Universität Schlesien unter Leitung von Dr. Franciszek Stefanek analysierte fast 300 Personen, die während einer „Free Hugs“-Aktion öffentlich Umarmungen anboten oder empfingen. Das Ziel: eine einfache körperliche Geste mit tieferen Persönlichkeitsmerkmalen zu verbinden.

Die Teilnehmenden füllten ausführliche Fragebögen zu den bekannten „Big Five“-Merkmalen aus:

  • Extraversion: wie kontaktfreudig und sozial „aufgeladen“ sich jemand fühlt
  • Verträglichkeit: Neigung zu Freundlichkeit und Kooperation
  • Gewissenhaftigkeit: Organisation, Selbstdisziplin, Zuverlässigkeit
  • Neurotizismus: emotionale Sensibilität und Stressanfälligkeit
  • Offenheit: Neugier, Fantasie, Anziehung durch neue Erfahrungen

Dieselben Personen bearbeiteten außerdem Skalen zu zwei deutlich härteren Merkmalsbündeln, der „Dunklen Triade“ (Psychopathie, Machiavellismus und Narzissmus), sowie zu einer positiveren „Hellen Triade“ (Glaube an die Menschheit, Humanismus und ein moralischer, prinzipienbasierter Umgang mit anderen).

Menschen, die sich von sich aus der „Free Hugs“-Bewegung anschlossen, erzielten tendenziell höhere Werte bei prosozialen Merkmalen der Hellen Triade und niedrigere Werte bei Narzissmus und Psychopathie.

Einfach gesagt: Personen, die sich am wohlsten damit fühlen, Fremde zu umarmen, wirken im Schnitt wärmer, weniger manipulativ und vertrauensvoller.

Warum Narzissten sich mit echter Zuneigung schwertun

Die Studie wirft auch eine unbequemere Frage auf: Was passiert, wenn dich jemand mit stark narzisstischen Zügen umarmt?

Klinikerinnen und Kliniker, die mit manipulativen Persönlichkeitsmustern arbeiten, beschreiben ein wiederkehrendes Muster. Narzisstische Menschen verstehen, dass Zuneigung Vertrauen schafft – doch oft fehlt ihnen der innere emotionale Bezugspunkt für echte Nähe. Sie imitieren Verbindung, statt sie zu empfinden.

Therapeutinnen und Therapeuten zufolge behandelt eine narzisstische Person Liebe häufig wie eine Aufführung. Wenn sie in der Kindheit gelernt hat, dass Liebe gleich Geld oder Status ist, zeigt sie „Fürsorge“ womöglich, indem sie Dinge bezahlt, meidet jedoch verletzliche, körperlich warme Nähe. Sind Umarmungen zwar vorhanden gewesen, aber ohne emotionale Sicherheit, kann die Geste kopiert werden, während das innere Erleben abgeschottet bleibt.

Der Narzisst umarmt oft nicht, um Trost zu teilen, sondern um deine Wahrnehmung zu steuern, Kontrolle zu festigen oder Bewunderung zu sichern.

Das heißt nicht, dass jede unbeholfene Umarmung auf eine Persönlichkeitsstörung hindeutet. Soziale Angst, Trauma, kulturelle Gewohnheiten oder Neurodivergenz können Berührung ebenfalls kompliziert machen. Der Unterschied liegt in der Absicht: Versucht die Person, dich dort abzuholen, wo du bist – oder schützt sie vor allem ihr Image und ihren Vorteil?

Die subtile „Tarnung“ in der Umarmung eines Narzissten

Therapeutinnen und Therapeuten beschreiben narzisstische Menschen mitunter als emotionale Chamäleons. Sie hören zu, spiegeln deine Bedürfnisse und geben dir dann genau die Worte und Gesten zurück, nach denen du dich sehnst.

In einer Umarmung kann das überraschend überzeugend wirken. Die Arme legen sich um dich, der Druck passt, das Timing scheint auf deine Stimmung abgestimmt. An der Oberfläche stimmt alles. Darunter fühlt es sich jedoch seltsam flach oder „daneben“ an – als würde die Umarmung nie ganz ankommen.

Hier sind einige wiederkehrende Muster, von denen Menschen berichten, wenn sie später erkennen, dass ein Partner oder eine Freundin sie emotional ausgenutzt hat:

  • Perfekt getimt, aber emotional hohl: Die Umarmung wirkt warm, doch dein Körper spürt Distanz. Nähe ohne Trost.
  • Schnelles emotionales Spiegeln: Sie übernehmen deinen Umarmungsstil fast sofort, als würden sie ihn studieren und kopieren, statt sich natürlich zu bewegen.
  • Umarmungen als Währung: Zuneigung fließt, wenn sie Beruhigung, Vergebung oder Lob brauchen – und versiegt, wenn du Unterstützung einforderst.
  • Show-Umarmungen in der Öffentlichkeit: Große, demonstrative Umarmungen vor anderen, aber kühlere, kürzere Nähe, wenn niemand zuschaut.
  • Kontrolle als Zärtlichkeit getarnt: Die Umarmung fixiert Schultern, Nacken oder Taille so, dass Bewegung subtil eingeschränkt wird oder Dominanz signalisiert wird.

Das Warnsignal ist nicht eine einzelne Geste, sondern ein Muster: Die Umarmung passt sich deinen Bedürfnissen an, dient aber zuerst ihrer Strategie.

Das kleine Detail, das das Spiel oft verrät

Viele Paartherapeutinnen und -therapeuten weisen auf ein Detail hin, das eine narzisstische Umarmung häufig entlarvt: Wessen Komfort steht bei diesem Körperkontakt konsequent, über die Zeit hinweg, an erster Stelle?

Eine fürsorgliche Person kalibriert ihre Umarmung meist. Wenn du dich versteifst, lässt sie locker. Wenn du dich entspannst, hält sie vielleicht etwas länger. Dein Körper wird Teil ihrer Entscheidung.

Eine narzisstische Person dreht diese Logik häufig um. Dein Körper passt sich ihrem Skript an. Sie hält denselben Griff und dieselbe Dauer – unabhängig von deinen Signalen –, außer eine Veränderung nützt in diesem Moment ihrem Image oder Ziel.

Das kann sich subtil zeigen:

Merkmal der Umarmung Eher sicher / empathisches Muster Eher narzisstisches Muster
Druck Verändert sich sanft, wenn du anspannst oder zurückweichst Bleibt gleich oder wird fester, um Kontrolle zu halten
Dauer Endet, wenn du dich zu lösen beginnst Endet, wenn sie ihren Punkt gemacht oder Beruhigung erhalten haben
Fokus Gegenseitiger Trost und Beruhigung Wirkung nach außen, eigener Gewinn oder deine Reaktion
Nachwirkung Du fühlst dich ruhiger oder verbundener Du fühlst dich schuldig, verpflichtet oder emotional verwirrt

Diese Prioritätenverschiebung ist das kleine, aber kraftvolle Detail: Die Umarmung passt sich dem Image an, nicht der Intimität.

Was diese Forschung darüber sagt, wer frei umarmt

Die polnische Studie diagnostiziert niemanden. Sie arbeitet mit Tendenzen in großen Gruppen. Dennoch passen die Befunde zu dem, was viele Klinikerinnen und Kliniker bereits aus der Praxis kennen.

Menschen, die am bereitwilligsten in einen „Free Hugs“-Kreis treten, verbinden oft Extraversion mit Vertrauen in andere. Sie sehen Fremde grundsätzlich als warmherzig-begegnungswürdig – nicht als Bedrohung oder Werkzeug. Ihre Werte kippen häufig in Richtung der „Hellen Triade“: Glaube an menschliche Güte, Respekt vor jeder Person als Zweck an sich (nicht als Mittel) und der Wunsch, prosozial zu handeln.

Im Gegensatz dazu schützen Menschen mit stärkeren Merkmalen der Dunklen Triade eher ihren körperlichen Raum – oder sie setzen Zuneigung selektiver als Teil einer sozialen Strategie ein. Sie können umarmen, doch die Geste hängt dann oft von Kontext, Publikum und möglichem Nutzen ab.

Wie du auf deinen Körper hörst, wenn dich jemand umarmt

Ein praktischer Schluss aus dieser Forschung: Achte während und nach einer Umarmung auf deine innere Reaktion, statt dich in Mikrogesten zu verlieren.

Stell dir ein paar stille Fragen:

  • Fühle ich mich nach dieser Umarmung sicherer in meinem Körper – oder angespannter?
  • Habe ich das Gefühl, meine Grenzen wurden respektiert oder beiseitegeschoben?
  • Fühle ich mich freier, ich selbst zu sein – oder unter Druck, etwas zurückzugeben?
  • Passt sich die Person an, wenn ich Unbehagen zeige – oder drückt sie trotzdem durch, was sie will?

Du brauchst kein psychologisches Fachvokabular, um diese Signale zu lesen. Dein Nervensystem macht die Rechnung längst: Sicherheit, Verbindung oder Gefahr.

Umarmungsstile, Bindung und Alltagsbeziehungen

Forschung zu Bindungsstilen wirft zusätzliches Licht auf diese Muster. Menschen mit sicherer Bindung umarmen oft mit einer entspannten Balance aus Eigenständigkeit und Nähe. Ängstlich gebundene Personen klammern möglicherweise etwas länger, um Beruhigung zu bekommen. Vermeidend gebundene Menschen halten vielleicht einen Arm locker, drehen den Kopf weg oder beenden den Kontakt früher, als soziale Normen es erwarten.

Narzisstische Züge können sich mit vermeidenden Mustern überschneiden, fügen aber eine weitere Ebene hinzu: ein intensives Bedürfnis, das Selbstbild zu schützen und zugleich Bewunderung anzuziehen. Umarmungen werden dann zu Werkzeugen im sozialen Repertoire – eingesetzt, um zu charmieren, Konflikte zu beruhigen oder nach Spannung Dominanz wiederherzustellen.

Umarmungen durch diese Linse zu betrachten, kann Paaren und Freundschaften helfen, Muster ohne Schuldzuweisung zu reflektieren. Zwei Menschen können sogar ein kleines Experiment machen: Beide beschreiben, wie sich eine „gute Umarmung“ anfühlt, wie lange sie sie mögen und was sie dazu bringt, sich lösen zu wollen. Allein dieses Gespräch zeigt oft, wie wohl sich jede Person mit Verletzlichkeit fühlt.

Dieses Wissen nutzen, ohne paranoid zu werden

Es gibt hier ein Risiko: Wenn du hörst, dass Umarmungen Narzissmus verraten können, beginnst du vielleicht, jede Umarmung zu überanalysieren. Das hilft selten. Menschen tragen komplexe Geschichten in ihren Körpern. Jemand kann steif umarmen wegen früherer Traumata, chronischer Schmerzen oder kultureller Normen, die körperliche Nähe begrenzen – nicht, weil er manipulieren will.

Ein geerdeterer Ansatz sieht Umarmungen als einen Datenpunkt in einem größeren Muster. Worte, Verlässlichkeit, Empathie in Konflikten und Respekt vor Grenzen sind genauso wichtig wie die Art, wie jemand die Arme um dich legt.

Wer vermutet, mit einem manipulativen Partner zu leben, kann aus dieser Forschung dennoch ein kleines Werkzeug ziehen. Du könntest bemerken, ob Zuneigung vor allem in Krisen auftaucht, wenn du mit Trennung drohst oder wenn die narzisstische Person Statusverlust fürchtet. In diesem Kontext kann ein plötzlicher Schwall perfekter Umarmungen weniger wie Liebe wirken und mehr wie Verhandlung.

Gleichzeitig können Menschen, die Verbindung schätzen, unterschiedliche Arten von Umarmungen bewusst üben: kurze Begrüßungen, erdende Umarmungen bei Stress oder spielerische Umarmungen mit Freundinnen, Freunden und Kindern. Zu beobachten, wie sich jede Variante in deinem Körper anfühlt, hilft, Intuition und Vertrauen in die eigenen Signale wieder aufzubauen.

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