Millionen Diesel-Fahrer bekommen endlich eine Atempause: Ein großer Autobauer knickt unter Druck ein und erklärt sich bereit zu zahlen.
Jahrelang haben europäische Dieselbesitzer steigende Reparaturrechnungen erlebt, während sich Beschwerden auf den Schreibtischen der Aufsichtsbehörden stapelten. Nun wird ein wegweisendes Abkommen rund um AdBlue-Defekte einen Teil der finanziellen Last dorthin verschieben, wo viele Fahrer sie von Anfang an verortet haben: zum Hersteller.
AdBlue, Diesel – und warum diese Geschichte über Frankreich hinaus wichtig ist
Im Mittelpunkt steht Stellantis, der Mutterkonzern von Marken wie Peugeot, Citroën, Fiat, Opel und Vauxhall. Nach einem langen Patt mit Verbraucherschützern hat das Unternehmen zugestimmt, Halter zu entschädigen, die Probleme mit AdBlue-Tanks haben, die in vielen seiner Dieselmodelle verbaut wurden, die zwischen Januar 2014 und August 2020 produziert wurden.
Das Ganze ist als europäische Lösung angelegt, nicht nur als französische. Die Vereinbarung ist das Ergebnis von Druck durch den französischen Verbraucherverband UFC‑Que Choisir, unterstützt von der Europäischen Kommission und dem Netzwerk für die Zusammenarbeit im Verbraucherschutz (CPC). Das Resultat setzt einen praktischen Präzedenzfall, der beeinflussen könnte, wie andere Hersteller auf weit verbreitete, wiederkehrende Defekte an Emissionssystemen reagieren.
Fahrer, deren AdBlue-Tank ausfällt, können nun eine teilweise oder vollständige Erstattung der Teile sowie eine Pauschale für Arbeitskosten erhalten – sogar Jahre nachdem das Auto das Werk verlassen hat.
Was AdBlue in modernen Dieselautos tatsächlich macht
AdBlue ist mehr als nur eine weitere Flüssigkeit zum Nachfüllen. Es ist ein zentraler Bestandteil dafür, dass moderne Dieselmotoren strenge Emissionsvorschriften einhalten – insbesondere in Bezug auf Stickoxide (NOx), die in Städten maßgeblich zur Luftverschmutzung beitragen.
Wie das System in der Praxis funktioniert
Bei Stellantis-Dieseln mit Selektiver Katalytischer Reduktion (SCR) wird AdBlue in einem separaten Tank gespeichert. Es handelt sich um eine Lösung aus etwa 32,5 % Harnstoff und 67,5 % entmineralisiertem Wasser. Das Auto spritzt winzige Mengen dieser Flüssigkeit in den Abgasstrom ein – vor einem Katalysator.
Im Abgas zerfällt der Harnstoff bei hoher Temperatur und reagiert mit NOx. Das Ergebnis sind überwiegend Stickstoff und Wasserdampf – Gase, die natürlich in der Atmosphäre vorkommen. Funktioniert das System korrekt, reduziert es die NOx-Emissionen im Vergleich zu älterer Dieseltechnik deutlich.
- Der Kraftstofftank versorgt den Motor.
- Der AdBlue-Tank versorgt den SCR-Injektor.
- AdBlue mischt sich mit den Abgasen.
- Der SCR-Katalysator wandelt NOx in Stickstoff und Wasserdampf um.
Ohne AdBlue riskiert ein moderner Diesel, gesetzliche Grenzwerte zu überschreiten. Deshalb begrenzen viele Fahrzeuge die Leistung oder verweigern sogar den Start, sobald das System einen Fehler oder einen leeren Tank erkennt. Für Halter ist ein defektes AdBlue-System selten nur eine kleine Unannehmlichkeit.
Warum Fahrer und Spediteure das System manchmal umgehen
Die Technologie funktioniert, bringt aber Komplexität und zusätzliche Betriebskosten. AdBlue selbst ist zwar relativ günstig, doch Defekte an Pumpen, Sensoren oder Tanks können teure Austauschmaßnahmen erforderlich machen. Manche Fahrer – besonders im Güterverkehr – greifen zu illegalen „Emulatoren“ oder Softwaretricks, die dem Fahrzeug vorgaukeln, das System arbeite weiterhin.
Diese Umgehungen erhöhen die NOx-Emissionen massiv, während Warnhinweise im Cockpit ausbleiben. Behörden in ganz Europa versuchen inzwischen, gegen solche Geräte vorzugehen – sie existieren aber aus einem einfachen Grund: Wenn die AdBlue-Hardware ausfällt, landet die Reparaturrechnung oft direkt beim Besitzer.
Stellantis’ neues Paket erkennt an, dass wiederholte Ausfälle von AdBlue-Tanks nicht einfach als normaler Verschleiß behandelt werden können, den der Fahrer zu tragen hat.
Das Stellantis-Abkommen: Wer ist berechtigt und was steht im Paket?
Am 20. Dezember 2024 verpflichtete sich Stellantis nach Gesprächen mit der Europäischen Kommission und dem CPC-Netzwerk, ein italienisches Entschädigungsmodell auf die gesamte Europäische Union und den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) auszuweiten. Die Regelung richtet sich an Diesel-Fahrzeuge mit fehlerhaften AdBlue-Tanks oder zugehörigen Komponenten, die zwischen Januar 2014 und August 2020 produziert wurden.
Abdeckung nach Alter und Laufleistung
Die neue Regelung bietet eine Art Sondergarantie für Teile, mit Bedingungen je nach Fahrzeugalter und Kilometerstand. Nach den von UFC‑Que Choisir weitergegebenen Informationen sieht die Struktur wie folgt aus:
| Fahrzeugalter | Laufleistung | Teilekosten-Übernahme durch Stellantis |
|---|---|---|
| Unter 5 Jahren | Bis zu 150.000 km | 100 % der Teilekosten |
| Zwischen 5 und 8 Jahren | Variable Schwellen | Zwischen 30 % und 90 % der Teilekosten |
Dieses Stufensystem ähnelt erweiterten Kulanzregelungen, die Hersteller bei bekannten Problemen gelegentlich anwenden. Fahrer neuerer Fahrzeuge mit niedrigerer Laufleistung erhalten volle Teileabdeckung. Halter älterer Fahrzeuge bekommen weiterhin eine teilweise Unterstützung, die die Rechnung bei einem kompletten Tank- oder Systemtausch deutlich senken kann.
Bei den Arbeitskosten hat Stellantis zugesagt, eine Pauschale von 30 € pro Reparatur zu zahlen. Das deckt zwar nicht eine komplette Werkstattrechnung, kann laut von Verbrauchergruppen genannten Zahlen in manchen Ländern aber etwa 20 % typischer Arbeitskosten ausmachen.
Rückwirkende Hilfe für frühere Reparaturen
Die Vereinbarung gilt nicht nur für zukünftige Ausfälle. Stellantis hat auch rückwirkende Unterstützung in bestimmten Situationen zugesagt.
Wenn ein Fahrer den AdBlue-Tank oder zugehörige Teile bereits ersetzen ließ und derselbe Defekt innerhalb von 50.000 km oder 24 Monaten erneut auftritt, übernimmt Stellantis 100 % der Kosten der neuen Reparatur – Teile und Arbeit. Es gibt eine strenge Bedingung: Die vorherige Reparatur muss von einem autorisierten Betrieb durchgeführt worden sein.
Fahrer sollten Rechnungen und Serviceunterlagen sammeln: Der Nachweis früherer Reparaturen in einer autorisierten Werkstatt ist der Schlüssel, um die volle rückwirkende Abdeckung zu erhalten.
Eine zweite rückwirkende Maßnahme betrifft Autofahrer, die nach dem 1. Januar 2021 nur eine geringe oder teilweise Entschädigung erhalten haben. In solchen Fällen will Stellantis eine zusätzliche Pauschalzahlung leisten, um ältere, weniger großzügige Einigungen an die neuen Regeln anzupassen. Die genaue Höhe variiert und muss auf europäischer Ebene noch formal festgelegt werden.
Was das bedeutet, wenn Sie einen Stellantis-Diesel fahren
Für Besitzer betroffener Diesel von Peugeot, Citroën, Opel, Vauxhall, Fiat und других Stellantis-Marken verändert diese Vereinbarung die Rechnung bei einem AdBlue-Defekt. Statt automatisch eine vierstellige Summe zu zahlen, können viele Fahrer einen Teil oder sogar die gesamten Kosten der Ersatzteile geltend machen – plus einen kleinen Anteil der Arbeitskosten.
Praktische Schritte für betroffene Fahrer
Fahrer, die vermuten, dass ihr Fahrzeug in den abgedeckten Zeitraum fällt, können sich schon jetzt vorbereiten – noch bevor nationale Verfahren vollständig starten. Hilfreiche Maßnahmen sind:
- Produktionsdatum und Kilometerstand prüfen, nicht nur das Erstzulassungsjahr.
- Klären, ob der Motor SCR-Technik mit AdBlue-Tank nutzt.
- Alle bisherigen Rechnungen zum AdBlue-System aufbewahren, insbesondere zu Tank und Pumpe.
- Namen und Status der Werkstatt notieren: autorisierter Betrieb oder freie Werkstatt.
- Mitteilungen lokaler Verbraucherorganisationen und der nationalen Stellantis-Marken beobachten.
Verbraucher im Vereinigten Königreich, wo Stellantis ebenfalls große Flotten an Diesel-Transportern und -Pkw verkauft, sollten genau verfolgen, wie der Konzern dieses Paket außerhalb der EU anwendet. Die öffentlichen Zusagen beziehen sich ausdrücklich auf EU und EWR, doch der Druck könnte steigen, ähnliche Regelungen auch in angrenzenden Märkten umzusetzen, in denen dieselben Fahrzeuge und Teile verkauft wurden.
Hinter dem Deal: Emissionsregeln, Reputationsrisiko und die Zukunft des Dieselbesitzes
Diese Vereinbarung liegt an der Schnittstelle zwischen Umweltregulierung und unternehmerischem Risikomanagement. Staaten verlangen sauberere Abgase, daher rüsten Hersteller Motoren mit komplexer Abgasnachbehandlung aus. Wenn diese Systeme tausendfach ausfallen, müssen Hersteller zwischen Rechtsstreitigkeiten und verhandelten Unterstützungsprogrammen wählen.
Stellantis steht in Europa unter besonderer Beobachtung: Dieselgate prägt weiterhin die öffentliche Meinung, und Regulierer sind misstrauisch gegenüber Abkürzungen bei Emissionen. AdBlue-Defekte sind zwar etwas anderes als manipulierte Software, beeinflussen aber dennoch die reale Luftbelastung. Ein Fahrzeug, das kein AdBlue mehr dosiert, stößt deutlich mehr NOx aus, als in Prospekten versprochen.
Aus Sicht der Fahrer mildert die neue Abdeckung eine der großen Sorgen beim Weiterfahren eines Diesels über die ursprüngliche Garantie hinaus. Viele Besitzer sind auf diese Fahrzeuge für lange Autobahnpendelstrecken oder zum Ziehen von Anhängern angewiesen, wo Diesel oft noch eine attraktive Verbrauchsbilanz bietet. Die Aussicht, dass ein wichtiges Emissionsbauteil nun eine Art verlängerte Unterstützung erhält, kann die Entscheidung beeinflussen, ein vorhandenes Auto zu behalten statt es schnell zu ersetzen.
Zusätzliche Aspekte, die Fahrer bedenken sollten
Diese Geschichte wirft auch grundsätzliche Fragen nach den tatsächlichen Kosten moderner Abgasnormen auf. Wer einen gebrauchten Diesel mit SCR kauft, sollte nicht nur die Servicehistorie für Ölwechsel und Zahnriemen prüfen. Ebenso wichtig sind Fragen zu AdBlue-Tanktausch, Fehlercodes und Warnmeldungen im Kombiinstrument.
Eine grobe Überschlagsrechnung hilft: Ein einzelner Austausch des AdBlue-Tanks kann – je nach Modell – mehrere hundert bis über tausend Euro kosten. Dem gegenüber steht der mögliche Beitrag von Stellantis nach dem neuen Schema, sofern das Fahrzeug noch Alters- und Laufleistungsgrenzen erfüllt. Die Differenz zeigt, wie viel Risiko Sie persönlich tragen.
Für Vielfahrer oder kleine Betriebe mit Diesel-Transportern könnte das Paket auch die Flottenstrategie beeinflussen. Der Austausch älterer Transporter kurz bevor sie die Acht-Jahres-Marke überschreiten, könnte das Risiko selbst finanzierter AdBlue-Ausfälle reduzieren. Andererseits können sorgfältig gewartete Fahrzeuge, bei denen der Tank bereits mit Arbeitsnachweis gewechselt wurde, von der rückwirkenden Regel profitieren, wenn der Fehler erneut auftritt.
Schließlich sehen Verbraucherschützer darin einen Testfall. Wenn Regulierer und Verbände solche Vereinbarungen für AdBlue-Tanks durchsetzen können, könnten als Nächstes ähnliche Regelungen für andere emissionsrelevante Komponenten gefordert werden – etwa Dieselpartikelfilter, AGR-Ventile oder Hochdruck-Kraftstoffsysteme. Für Fahrer sendet die Stellantis-Entscheidung ein klares Signal: Wiederkehrende Defekte an Emissionshardware müssen nicht automatisch ein privates Problem zwischen Ihnen und Ihrer Werkstatt bleiben.
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