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Warum entschuldigen wir uns ständig?

Ein Mann sitzt in der Küche, schaut auf sein Handy und hält eine Tasse. Auf dem Tisch liegt ein offenes Notizbuch.

Wir sagen „sorry“ an der Kaffeemaschine, in E-Mails, in Zügen und in Gruppenchats.

An den meisten Tagen ist nichts Dramatisches passiert.

Und doch rutscht die Entschuldigung wieder heraus. Für eine späte Antwort, die eigentlich gar nicht spät war. Dafür, dass man in einem vollen Waggon Platz einnimmt. Dafür, dass man in einem Meeting eine ganz normale Frage stellt. Besonders in englischsprachigen Ländern ist „sorry“ zu einem Reflex geworden – fast zu einem Hintergrundgeräusch des Alltags.

Wie ständige Entschuldigungen leise dein Leben prägen

Auf den ersten Blick wirken häufige Entschuldigungen harmlos, sogar freundlich. Sie schmieren die Räder des sozialen Miteinanders und signalisieren Rücksichtnahme. Doch wenn „sorry“ alle paar Minuten auftaucht, verbirgt sich dahinter oft etwas Tieferes: chronische Schuldgefühle, ein geringes Selbstwertgefühl, Angst vor Zurückweisung oder eine alte Gewohnheit aus der Kindheit, die nie hinterfragt wurde.

Häufiges Entschuldigen beschreibt nicht nur, wie du dich in einem Moment fühlst. Es kann umschreiben, wie du dich selbst siehst: immer schuld, immer zu viel, immer im Weg.

Fachleute aus dem Bereich der psychischen Gesundheit beschreiben Menschen, die sich für das Wetter entschuldigen, für die schlechte Laune anderer, für eine Zugverspätung, die sie eindeutig nicht verursacht haben. Für sie ist „sorry“ nicht nur gute Manieren. Es ist eine Form von Selbstschutz und manchmal auch Selbst-Auslöschung.

Kindheitslektionen, die zu einer lebenslangen „Sorry“-Gewohnheit werden

Viele Erwachsene, die sich zwanghaft entschuldigen, können diesen Impuls auf frühe Familiendynamiken zurückführen. Für manche war Höflichkeit mehr als eine sinnvolle Regel; sie war eine Bedingung für Liebe.

Wenn Höflichkeit zum Schutzschild wird

In manchen Haushalten hört ein Kind jahrelang dieselbe Botschaft: sei nett, sei leise, sei dankbar, stör nicht, glätte alles. Fehler führen nicht zu Erklärung, sondern zu Scham. „Entschuldige dich jetzt bei deinem Bruder“ kommt schneller als „Lass uns darüber reden, was passiert ist“.

Diese Kinder wachsen mit einem klaren Drehbuch auf: Wenn etwas schiefläuft, übernimm Verantwortung, entschuldige dich schnell und stell die Harmonie wieder her. Als Erwachsene tun sie oft Folgendes:

  • Sie übernehmen die Schuld für kollektive Fehler bei der Arbeit.
  • Sie entschuldigen sich in Beziehungen bei kleinsten Meinungsverschiedenheiten überstürzt.
  • Sie fühlen sich körperlich unwohl, wenn jemand verärgert ist – selbst wenn sie nichts getan haben.
  • Sie benutzen „sorry“, um um jeden Preis den Frieden zu wahren.

Psychologinnen und Psychologen weisen darauf hin, dass ein Kind, das übermäßig gelobt, übermäßig beschützt oder in emotionaler Abhängigkeit gehalten wird, seinen Wert daran koppeln kann, wie andere auf es reagieren. Zustimmung wird zu Sauerstoff. Eine Entschuldigung wird zum schnellsten Weg, diesen Sauerstoff wiederherzustellen, sobald Spannung entsteht.

Ein Kind, das lernt: „Wenn ich Dinge schnell wieder in Ordnung bringe, verlassen sie mich nicht“, wird oft zu einem Erwachsenen, der „sorry“ sagt, bevor sich überhaupt jemand beschwert.

Wenn dein innerer Kritiker das Steuer übernimmt

Hinter chronischen Entschuldigungen steht oft eine brutale innere Stimme. Sie sagt: Du hättest es wissen müssen, du hättest es besser machen müssen, du solltest dich nicht so fühlen. Jeder kleine Fehltritt wird zum Beweis des Versagens.

Die Tyrannei des inneren Regelmachers

Die psychoanalytische Theorie beschreibt eine mentale Struktur, die wie ein innerer Regelmacher wirkt – gefüllt mit Geboten und Verboten, übernommen von Eltern, Schule, Kultur und manchmal Religion. Wenn dieser innere Regelmacher hart wird, fühlen Menschen sich nicht nur schuldig für das, was sie getan haben, sondern auch für das, was sie hätten tun können – oder sogar nur gedacht oder sich vorgestellt haben.

In diesem Rahmen ist ein Entschuldigen „für nichts“ nicht wirklich für nichts. Die Person fühlt sich oft, dass sie

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